Bella ist wieder da!

Nach der Rückholung der Schafe von der Sommerweide fehlten ja noch 5, eine von ihnen Bella. Dass Bella nicht dabei war betrübte mich besonders, denn sie ist das einzige Lamm, das ich von den diesjährigen nicht verkaufen wollte, weshalb ich sie mit in die Berge schickte.

Gestern erreichte mich ein Anruf von einem Schafhalter aus der Nähe von Esparros, auf der anderen Seite des Berges, an dem sich die Schafe aufhielten. Er habe bei seiner Herde ein merkwürdiges Zicklein mit braun-rotem Fell und anhand der Nummer hatte er erfahren, das dies mir gehört und ich solle es so bald wie möglich abholen.
Er sei dort leicht zu finden, jeder kenne ihn, ich solle mich halt durchfragen.

Das 'so bald wie möglich' brachte mich etwas in Schwierigkeiten, denn der KA war zum Bremsscheibentausch in der Werkstatt und der Transporter steht noch immer mit gerissenem Kühlflüssigkeitsschlauch am Straßenrand.

Doch heute konnte ich den KA wieder abholen und so fuhr ich direkt von der Werkstatt in die Berge, in der Hoffnung, dass die Bremsen auch tatsächlich funktionieren.

Esparros liegt sehr schön in einem tiefen Talkessel. Als ich ankam, hatte ich Glück, denn die Postbotin fuhr vor mir, ich würde sie nach dem Weg fragen, sobald sie anhielt.
Tatsächlich wusste sie sofort zu wem ich wollte, die Frage war nur noch, ob zum Vater oder zum Sohn. Ich erklärte, dass der, zu dem ich wollte Schafe halte. Damit war alles klar. Der Sohn möge keine Schafe, er würde Kühe halten.

Ich solle also in den Nachbarort fahren und dort nochmal fragen, denn der Weg sei schwer zu beschreiben.
Ich tat wie mir geheissen. Die Schwierigkeit in diesen Orten ist ja hauptsächlich überhaupt jemanden zu finden, den man fragen könnte, denn es hält sich kaum jemand auf den Straßen und Gassen auf. Doch ich hatte Glück. Ein älterer Mann stand am Straßenrand und sah mich streng an, als ich anhielt und das Fenster herunterließ, doch nachdem ich mein Begehr äußerte, hellte sich seine Mine sofort auf und er strahlte über das ganze Gesicht: Ich sei also der mit dem sonderbaren Schaf und wolle es wohl abholen. Der den ich suche wohne nur 100m weiter den Berg hoch und am Strommast links. Er erklärte und zeigte mir das mehr als fünf mal und schlug dann vor, er könne ja kurz mitkommen um mir den Weg zu zeigen. Dann erklärte er den Weg noch zwei mal. Und ob er nicht doch besser mitkommen solle? Er selbst halte auch Schafe, über hundert, doch 40 habe er gerade verkauft. Vierzig auf einmal. Er sei ja auch in Rente. Prämien bekäme er nun ja nicht mehr. Die Prämien seinen nicht schlecht. Die helfen schon sehr. Aber nun ist er in Rente.
Der Sohn seines Freundes möge ja keine Schafe, der halte lieber Kühe, meine wohl, das sei besser.

Ich fuhr dann doch alleine den Berg hoch. Bauer und Bäuerin traf ich direkt auf ihrem Innenhof an, wo ich das Auto abstellte.
Zwei wie von einer grieseligen Photographie aus dem vorletzten Jahrhundert! Er eher hager und groß mit schmalem, wettergegerbtem Gesicht unter einer Baskenmütze. Sie in Schürze und ungefähr so breit wie hoch.

Sie amüsierten sich über das putzige Zicklein, wollten wissen wieviele Schafe ich halte und wo ich sie in die Berge gebracht hätte und erzählten, sie hätten beim Vétérinaire angefragt ob er wisse wem das Lamm gehört, doch der sagte man müsse bei der EDE anrufen und dort habe er meine Telefonnummer bekommen.

Die Tiere waren draussen auf der Weide und er brachte sie in den Stall. Erst wollten sie nicht - es war nicht die richtige Zeit dafür. Der Stall war bemerkenswert sauber und duftete nach frischem Stroh. An einer Seite schmiegte sich eine offensichtlich handgefertigte Heuraufe in ganzer Länge an die krumme Natursteinwand. Ein filigranes Meisterwerk aus zahllosen Rundhölzern.

Nachdem Bella im Auto verstaut war, drängte er mich, wir müssten noch einen Schluck trinken. Ob ich einen Ricard möge oder einen Café. Um nicht unhöflich zu sein sagte ich 'ein Café wäre schon angenehm', doch dies schien ihm suspekt und so schob ich ein 'mir ist's gleich' nach. In der Küche fragte die Bäuerin, was ich trinken wolle, er erwiederte 'er da möge einen Café' und ich sagte schnell 'oder einen Ricard'. Damit waren alle wieder glücklich. Wir tranken also einen Ricard und ich dachte mir er sei sicher froh, denn hätte ich einen Café genommen dann hätte auch er keinen Ricard bekommen. Zudem bedauerte ich etwas, seinen Freund vom Straßenrand nicht mitgebracht zu haben, der hätte bestimmt auch gerne einen genommen.
Der Bauer mit der Baskenmütze freute sich und erzählte er sei vor ein paar Tagen 80 geworden, worauf ich ihn beglückwünschte. Doch dann musste er an's Telefon, was seiner Frau Gelegenheit gab, mir zu erzählen, dass der Sohn ja keine Schafe möge, sondern Kühe hielte und zudem da oben in einem Neubauhaus 'mit einer Frau' wohne. Jetzt wusste ich also auch das.

Man saß nicht lange. Nach einer viertel Stunde machte sich Nervosität breit. Man merkte deutlich: die Beiden haben vor dem Essen noch Arbeit zu erledigen. Mir war's auch recht, so konnte ich mich leicht verabschieden. So sehr ich die Bekanntschaft mit so bodenständigen und aus meiner Sicht doch auch aussergewöhnlichen Menschen schätze - ich fühle mich dabei auch nicht so richtig wohl.
Ich bin halt etwas scheu - so ist es eben. Und darum habe ich auch, so sehr ich es bedauere, kein Foto von den Beiden, wie sie an ihrem Küchentisch sitzen, mit dem Kaminfeuer im Rücken.


© Martin Wörner 2011